Bedeutung vom Reinheitsgebot für Bier heute

Das Reinheitsgebot für Bier hatte bis 1987 sowohl eine Innen- als auch eine Außenwirkung: einerseits war es deutschen Brauern verboten, abweichend von den strengen Vorschriften des Reinheitsgebotes Bier herzustellen, andererseits aber durften auch ausländische Produkte auf dem deutschen Markt nicht unter der Bezeichnung "Bier" veräußert werden, wenn sie den strengen Reinheitsgebotsvorschriften nicht entsprachen. Es bedurfte erst des "Engagements" der Europäischen Union, um nach über 450-jähriger unveränderter Gültigkeit vom Bayerischen Reinheitsgebot die Aufweichung dieses ehernen Grundsatzes der Bierproduktion für Bayern zu betreiben.

Schon in den 70er Jahren entwickelte die EG-Kommission erste Initiativen, im Zuge der ·Harmonisierung" der Herstellungsvorschriften für Bier diese auf niedrigstem Niveau zu vereinheitlichen und die Zulassung von Zusatzstoffen EU-weit zu betreiben. Da keine Einigkeit zwischen den Mitgliedsstaaten zu erzielen war, musste das Vorhaben jedoch 1976 zunächst wieder zu den Akten gelegt werden. Mit Schreiben vom 12.2.1982 eröffnete die EG-Kommission dann in Sachen ·Anwendung des Reinheitsgebotes für importierte Biere" ein sog. ·Vertragsverletzungsverfahren" gegen die Bundesrepublik Deutschland, gestützt auf Art. 30 des EWG-Vertrages, der eine ·Behinderung des freien Warenverkehrs" innerhalb der EU untersagt.

Der Grundsatz: In einem Mitgliedsstaat der EU rechtmässig hergestellte und in den Verkehr gebrachte Erzeugnisse - gleich welcher Art - können grundsätzlich auch in den anderen Mitgliedsstaaten in Verkehr gebracht werden. Dieses Inverkehrbringen darf durch nationale Gesetze - wie in Deutschland unter Berufung auf das Reinheitsgebot - nicht behindert werden. Durch die Anwendung des Reinheitsgebots auch auf Importbiere verstosse die Bundesrepublik - so der Vorwurf - gegen Art. 30 des EWG-Vertrages. Zwar hat die Bundesrepublik Deutschland sich seinerzeit auf das Argument des vorbeugenden Gesundheitsschutzes berufen, um ihre Haltung zu untermauern, der Europäische Gerichtshof jedoch ist dieser Auffassung nicht gefolgt.

Nach einer über 3-jährigen Auseinandersetzung vor dem Europäischen Gerichtshof (die EG-Kommission hatte den Beschluss der Klageerhebung gegen die Bundesrepublik Deutschland bereits am 21.12.1983 beschlossen) fällte der Europäische Gerichtshof am 12. März 1987 sein ·Reinheitsgebotsurteil". Biere, die in anderen Mitgliedsländern der EU rechtmässig hergestellt oder verkehrsfähig waren, erlangen diese Verkehrsfähigkeit auch auf dem deutschen Markt - unabhängig davon, ob sie entsprechend den strengen Vorschriften des Reinheitsgebotes hergestellt werden oder nicht. Einziges Zugeständnis: Bei Abweichungen vom Reinheitsgebot müssen alle dem Reinheitsgebot fremden Stoffe im Zutatenverzeichnis deutlich erkennbar auf dem Etikett angegeben werden.

Die deutschen Brauer blieben an das Reinheitsgebot - in Bayern in seiner beschriebenen engen Form - gebunden.Dieses Urteil war und ist ein Anachronismus: In Zeiten, in denen die Konsumenten größten Wert auf von chemischen Zusatzstoffen und Rückständen unbelastete Nahrungsmittel legen, rückt man mit einem ·liberalen" Standpunkt einem Lebensmittel zu Leibe, das erwiesenermassen seit bald 500 Jahren ohne derartige Zusätze herstellbar ist.

Doch die Angst vor einer plötzlich und unkontrolliert über Deutschland hereinbrechenden Schwemme ·unreinen" Bieres erwies sich als unbegründet. Weder hat der Bierimport seit 1987 eine schlagartige Zunahme erfahren, noch ist der Anteil des nicht dem Reinheitsgebot entsprechenden Bieres am gesamten Importvolumen nachhaltig angestiegen. Biere, die nicht dem Reinheitsgebot genügen, spielen auf dem deutschen Biermarkt eine verschwindend geringe Rolle. Ihr Gesamtanteil am in Deutschland getrunkenen Bier liegt im Promille-Bereich.



Die Zusatzstoffzulassungsverordnung

Die europäischen Harmonisierungsbemühungen der Richtlinien über die Verwendungen von Zusatzstoffen in Lebensmitteln stellen einen weiteren Angriff auf das Reinheitsgebot dar. Seitens der EU-Kommission wurde eine Liste von Zusatzstoffen (Farbstoffe, Süßstoffe, Konservierungsstoffe, ...) erstellt, die innerhalb der gesamten Gemeinschaft einheitlich bei der Herstellung von Lebensmitteln rechtmäßig zum Einsatz kommen dürfen - auch bei der Bierbereitung. Auch die deutschen Brauer werden von diesen Möglichkeiten nicht ausgeschlossen. Eine entsprechende Umsetzung in deutsches Recht erfolgte im Februar 1998 durch die Verabschiedung der - "Zusatzstoffzulassungsverordnung" - .

Unter "Zusatzstoffen" versteht man Stoffe, die - ohne dass sie selbst Lebensmittel sind - Lebensmitteln absichtlich beigegeben werden, um bestimmte gewünschte Wirkungen, Eigenschaften oder Beeinflussungen bei Lebensmitteln zu erzielen (Konservierungsstoffe, Antioxidantien, Emulatoren, Farb- und Süßstoffe, Geschmacksverstärker, Verarbeitungshilfen wie Enzyme...).

Die Verwendung von Rohfrucht bleibt damit in Deutschland zwar weiterhin von der Bierbereitung ausgeschlossen, Zusatzstoffe jedoch werden erlaubt. Das so hergestellte Bier darf dann allerdings nicht mehr unter Erwähnung des Reinheitsgebotes angepriesen werden! Zwar hat sich die deutsche Gesetzgebung damit dem europäischen Druck gebeugt, die bayerischen Brauer jedoch werden selbstverständlich unverändert am Bayerischen Reinheitsgebot von 1516 festhalten!

Reinheitsgebots-Bier als geschütztes ·Traditionelles Lebensmittel"

Dass auch die Europäische Union Tradition und Stellenwert des Bayerischen Reinheitsgebotes sehr wohl zu schätzen weiß, hat sie 1996 unter Beweis gestellt. Um getreu traditionellen Rezepturen oder Verfahren hergestellte Lebensmittel vor billigen Imitaten zu schützen, schuf die EU das ·Traditionelle Lebensmittel" und erstellte eine Liste ausgewählter Lebensmittel (europaweit 15!), deren Herstellungsverfahren und Rezeptur zwingend eingehalten werden muss, soll das Lebensmittel unter der geschützten Bezeichnung auch zukünftig vermarktet werden.

Als einziges deutsches Lebensmittel wurde deutsches Bier, gebraut nach dem Reinheitsgebot, in die Liste dieser geschützten ·traditionellen Lebensmittel" aufgenommen. Will heißen: Wer sein Bier mit dem Hinweis etikettiert, es sei nach dem Reinheitsgebot gebraut, muss sich auch daran halten. Das Bayerische Reinheitsgebot von 1516 bleibt als Gütezeichen gesetzlich anerkannt und wird in der EU besonders geschützt.

Ihre Meinung ist gefragt

Kommentar von Heinz Frühschulz | 29.01.2011

Der letzte Abschnitt Ihres Artikels würde bedeuten, dass Biere/Etiketten die nicht ausdrücklich auf 1516 hinweisen nicht nach dem Deutschen Reinheittsgebot gebraut werden? Verstehe ich die letzten vier Zeilen richtig?
Gruß Heinz Frühschulz

Kommentar von Lothar | 18.01.2013

Gleich vornweg genommen , ich bin für das Bayrische Reinheitsgebot von 1516. Was sollen diese Zusatzstoffe ?
Unser Darm braucht sie nicht , denn sie sind eher schädlich . Das Pasteurisieren reicht völlig aus . Die Frage sei noch gestellt : Wem nützt diese Beimischung ?

Kommentar von Jürgen Bommel | 26.07.2013

Dank des deutschen Reinheitsgebotes ist die deutsche Bierlandschaft vermutlich eine der geschmacklich uninteressantesten der ganzen Welt.
Schaut man nach Belgien, sieht man, was man alles brauen kann. Während in Deutschland alles gleich schmeckt (und die Konsumenten durch die kleinsten Nuancen in den verbleibenden Geschmacksunterschieden ihr Lieblingsbier definieren).
Danke Reinheitsgebot - danke Protektionismus!

Kommentar von Hendrik | 02.09.2013

Schon lustig wenn Leute denken, das Reinheitsgebot würde für gutes Bier sorgen. Laut Reinheitsgebot darf (und fast alle großen Brauereien machen es) billigste Zutaten und zusammengekehrte Hopfenreste verwenden. Auch Farbebier (ganz dunkeles Bier zum einfärben), damit man aus Pils ein Dunkelbier machen kann und nicht 2 mal braunen muss, ist legal. Oh und wie war es mit Polyvinylpyrrolidon (kurz PVPP unter anderem in Kleber vorhanden)? Auch legal, es filtert ja nur Trübstoffe und Geschmack aus dem Bier und wird (fast) vollständig wieder ausgefiltert. Aber wehe man wirft ganze Hopfendolden (und nicht wie in der Industrie Hopfenextrakt) oder Kirschen ins Gärfass, dann leidet das "Bier" (darf ja hier nicht so heißen).
Wird Zeit, dass wir diesen Reinheitsgebotskram endlich mal abschaffen. Alternativ kann man ja aufs Bier schreiben: Gebraut mit: aufbereiteten Wasser, Gerstenmalz, Hopfenextrakt, genetisch veränderter Hefe, Farbebier, Kalziumchlorid, Polyvinylpyrrolidon und Kieselgur. Wär wenigstens ehrlich.... aber ich glaube da ist Hopfen und Malz verloren.

Kommentar von Stephan | 08.09.2013

Eine der seltsamsten Halbwahrheiten ist sicherlich das "deutsche Reinheitsgebot von 1516", das es in dieser Form nie gab und mit dem heute skurrilerweise auch für Biere geworben wird, die durch die "neue bayerische Landesordnung von 1516" ausdrücklich verboten wurden - wie Weizenbier.

Tatsächlich wurden in der am 23. April 1516 in Ingolstadt durch Wilhelm IV erlassenen Landesordnung nach dem Ende des Landshuter Erbfolgekriegs (Georg, der Reiche, von Landshut war ja ohne männlichen Nachfolger geblieben) alle erdenklichen Gesetze der neu vereinigten bayerischen Teilherzogtümer vereinheitlicht, und einer halben Zeile dieses umfassenden Dokuments ist zu entnehmen, daß künftig im gesamten Herzogtum die Münchner Brauordnung des Jahres 1487 (Gerste, Hopfen, Wasser - gemeint ist natürlich Gerstenmalz, die Hefe wurde weggelassen) anstelle der Landshuter Brauordnung von 1493 (Malz, Hopfen, Wasser) gelten sollte.

Letzteres stellt einen deutlichen Rückschritt dar, da alle hochwertigen Getreidesorten wie Emmer, Dinkel, Roggen oder Weizen dadurch für die Bierherstellung verboten wurden und nur noch die Gerste (damals: Wintergerste) verwendet werden durfte, die üblicherweise als Tierfutter diente... inwiefern dadurch die "Reinheit" des Biers steigen sollte, erschließt sich nicht so recht...

Außerdem ist der Begriff "Gerste" falsch, denn gemeint ist natürlich "Gerstenmalz" (wer versuchen würde, auch nur einen Teil unvermalzter Gerste hinzuzufügen, wie das bei Red Ale oder schwarzen englischen Bieren der Fall ist, dürfte das lustigerweise nach dem "Reinheitsgebot" nicht tun). Auch das Brauen untergäriger Biere mit Weizen und Co. ist nach heutigem Stand verboten (wieso eigentlich?), und es darf zwar nach erfolgtem Brauvorgang Wasser mit künstlichen Aroma- und Farbstoffen dazu gegeben werden (falls das ganze dann als "Biermischgetränk" verkauft wird), nicht jedoch dürfen frische Früchte mitvergoren werden (wie beim echten belgischen Fruchtbier).

Diese Regelung der neuen Landesordnung galt dann bis 1548 (danach durften die Herren von Degenberg in Straubing-Bogen wieder Weizenbier herstellen, ab 1602 nahmen die bayerischen Herzöge selbst das Monopol für Weizenbier wahr). 1551 ersetzte die neue Münchner Brauordnung obige Regelungen (darin wurde erstmals auch indirekt Hefe erwähnt, wenn auch das Wort "Hefe" als solches fehlt), 1616 wurde sie mit der wiederum neu erlassenen Landesordnung erneut reformiert (verschiedene Aromaträger wie Koriander, Wacholder, Kümmel oder Lorbeer wurden wieder erlaubt) und geriet dann in Vergessenheit, bis sie aus unerfindlichen Gründen im Jahr 1861 wieder in Bayern reanimiert wurde und in Form des Biersteuergesetzes und vorläufigen Biergesetzes in ganz Deutschland gilt (wobei inzwischen für obergärige Biere auch Zucker und Farbstoffe zulässig sind).

Wieso man sich bei der Erfindung des Begriffs "Reinheitsgebot" im 20. Jahrhundert ausgerechnet auf diese Brauordnung aus dem Jahr 1516 bezog und nicht auf die zahllosen anderen Brauordnungen der damaligen Zeit, ist reichlich undurchsichtig... Hätte man sich z. B. auf die Kölner Brauordnung von 1381 als "Reinheitsgebot" festgelegt, wäre heute die Verwendung von Hopfen unzulässig :-)

Ich verstehe auch nicht, weshalb man sich künstlich so auf wenige Zutaten beschränkt - sofern keine giftigen Substanzen verwendet werden und der Brauvorgang auf natürlichem Wege abläuft, ist doch gegen das Brauen der jahrtausende alten Grutbiere als Alternative nichts einzuwenden? Schließlich handelt es sich bei Bier ja bekanntlicherweise um ein alkoholisches Getränk, das durch Vergären verzuckerter Stärke gewonnen wird, und nicht zwangsläufig ausschließlich um das, was heute in Deutschland als Bier bezeichnet wird...

Zum Glück gibt es kein Reinheitsgebot für Brot, sonst wäre vermutlich nur noch ein Einheitsbrot legal erhältlich :-)

Der langen Rede kurzer Sinn: 1516 wurde kein "Reinheitsgebot" erlassen, und es galt auch nicht kontinuierlich bis zum Auftreten der bösen EU...

Kommentar von Simon | 13.09.2013

Mir wäre schon genüge getan, wenn nicht sämtliches Bier mit Aspartam oder Neotam verseucht wäre. Die Bier die früher noch etwas bitterkeit im Nachgeschmack hatten, habens heute nicht mehr. Jedes Bier ist so süß, und bei manchen Bieren dachte ich ich trinke süßer Sprudel.
Die EU-Verordnung erlaubt (oder befiehlt über Genossenschaften, Verbände) die hinzigabe von Aspartam (Süßstoff).
Aspartam ist das Excrement von GV-Bakterien und das ist in jedem Bier drin?
Aspartam wurde Anfang der 80er Jahre als Biochemischer Kampfmittelstoff einegesetzt, und heute saufen wir es Liter weise? Jedoch nicht nur in Bier, sondern in Limonaden, in Kaugumis, in über 90.000 Produkten. Oft versteckt hinter dem Zusatz "natürliches Aroma".
1) »Geklonte Mikroorganismen« (die sich im Patent später als gentechnisch veränderte E. coli herausstellen) werden in Tanks mit einer wachstumsfördernden Umgebung kultiviert.
2) Die gut genährten E.coli-Kulturen scheiden die Proteine aus, die das zur Herstellung von Aspartam benötigte Asparaginsäure-Phenylalanin-Aminosäure-Segment enthalten.
3) Die Proteine, die die Asp-Phe-Segmente enthalten, werden »geerntet« (d.h. Assistenten im Labor sammeln die Fäkalien der Bakterien ein).
4) Die Fäkalien werden anschließend behandelt. Dazu gehört das Verfahren der Methylierung (bei welchem dem geschützten Dipeptid große Mengen an Methanol, einem giftigen Alkohol, zugesetzt werden).

folgenden "Neben"-Wirkungen können auftreten:

Angstzustände
Arthrose
asthmatische Reaktionen
Juckreiz und Hautirritationen
Schwindelanfälle
Zittern
Unterleibsschmerzen
Schwankungen des Blutzuckerspiegels
Brennen der Augen und des Rachens
Schmerzen beim Urinieren
Chronische Müdigkeit
Migräne
Impotenz
Haarausfall
Durchblutungsstörungen
Tinnitus (=Ohrensausen)
Menstruationsbeschwerden
Augenprobleme
Gewichtszunahme.

Zum Wohl!

Das ist es was mich anlotzt. Man kann kein Bier mehr saufen, weil es überall drin ist. Wieviele Radeberger Gruppen gibt es?

Kommentar von leoleo | 28.10.2014

Kaufe man irgendwo eine Flasche deutsches Bier, so steht darauf zumeist:"Gebraut nach dem Deutschen Reinheitsgebot".
nur in Süddeutschland bei einigen wenigen Brauereien "Bayerisches Reinheitsgebot".
Somit ist klar ersichtlich, dass das sog. Reinheitsgebot verwässert ist und damit auch nicht mehr absolut massgebend.
Der Eindruck drängt sich auf, dass das "Reinheitsgebot" zu einem Werbegag absank.